Mit Küssen, mit kecken
Dornröschen zu wecken
Schlug sich Dorn für Dorn
Ein Prinz nach vorn
Durch einen Rosenwald
Dornröschen!
Dornröschen, halt
Aus, denn ich komme bald!
Ja, rief
Die Maid, die Schlief
Im Traume tief
Mich zu erlösen
aus dem bösen
Bann, schöner Mann, komm an!
Jahre vergingen.
Im Winter hingen
Die Rosenköpfe runter
Litten unter der Kälte Macht
Wurden wieder munter
Sprossen neu
In des Lenzens Frühjahrspracht
Der Sommer kam
Der Herbst, er wich
Der Winter wieder nahte sich
Der Frühling
Ging . . .
So sehr sich der in Liebe erglühte
Prinz die Rosen zu köpfen bemühte
Bemühten sich die durch einer Hexe
Bösen Fluch gewachsenen Gewächse
Den Weg zu Dornröschen nicht
Frei zu geben
Im Kampfe verging des Prinzen Leben
Da lag er -
Erstochen, erstickt, resigniert
Und er war nicht der erste
Dem das passiert!
Gerippe neben Gerippe lagen
Sie alle! Die es wagen
Wollten, Dornröschen zu befreien
Ach!
Sieh dort zwischen
den Rosenbüschen
Die Gerippe-Reihen
Tote Königssöhne in Scharen
Die allesamt gescheitert waren
Tot – tot – tot!
Dornröschen in bitterer Not
Wälzte sich auf ihrem Lager
Wurde mager
Verlor an Gewicht
Sie aß ja nicht
Schlief ja nur in einer Tour
Wurde dünner, die schöne Maid
Mit des Wartens langer Zeit . . .
Was ist das?
Was krabbelt da
Vor dem Schloß so sonderbar?
Halt! Zurück!
Was willst Du von Dornröschen?
Sie rief nach Prinzen
Nicht nach Fröschen
Hinfort! Du nasses Krötentier
Das ist ein ander Märchen hier!
Die Rosendornen, die spitzen
Werden dir den Leib aufritzen . . .
Verflixt, der Lurch kommt durch!
Hopst in aller Ruhe, ganz gemach
Zu Dornröschens Schlafgemach
Hopst aufs Bett
Krabbelt zum Gesicht
Man glaubt es nicht !
Als wär der Frosch intelligent
Als ob er weiß, genauestens kennt
Wo’s lang geht:
Kriecht an der Seite
Vorbei an den Rippen
Hoch zu Dornröschens süßen Lippen . . .
Ach so!
Das ist der Grund
Es sitzt eine Fliege auf dem Mund
Der Prinzessin -
Und putzt sich, macht sich fein
Fliege!
Das könnt dein Ende sein!
Zack!
Die Zunge saust aus dem Frosch heraus
Ein kurzes Kleben – dann ist es aus
Dornröschen erwacht
“Wer war’s?
Wer hat ein End gemacht
Dem Schlaf, dem langen
Dem ich verfangen?
Wo ist der königliche Junge
Der mich erlöst mit seiner Zunge
Der Galan, der Schlimme?”
“Quark!” ertönt des Frosches Stimme
“Quark?
Um der Himmel ew’ger Gnade
Ihr Götter, nein!
Warst Du das grade?
Soll das die Erlösung sein?
Hast Du mich wachgeküsst?
Mutter! Vater! Mir ist
Ein Frosch erschienen
Mich zu befreien!”
Durch des Schlosses Hallen
drang der Jungfrau Schreien
Der König erwachte, die Königin
Die Minister, der Kochgehilfe fing
Sich eine Ohrfeige ein
Stubenmädchen und Lakain
Stallburschen, Pferdesattler
Briefträger, Buttler
Gouvernanten, Schlosspolizei
Aller erwachten von dem Geschrei
Das Dornröschen entsetzt anhub
Sogar in den Bergen der Hirtenbub
Alle erwachten, wurden wach
Von dem Krach
Und freuten sich nicht wenig
“Dornröschen”
Sprach der König
“Es tut mir leid
Der Frosch hat nicht nur dich
Er hat auch mich befreit
Und alle hier . . . ”
“Vater! Der Frosch ist ein Tier!
Ich höre wohl nicht richtig?”
“Das mein Kind, ist nicht wichtig
Der Bann ist gebrochen!
Ob ein Prinz kommt geritten
Ein Bauerssohn herbeigeschritten
Oder ein Frosch kommt gekrochen
Versprochen ist versprochen!”
Und auch die Königin, die strickte,
Nickte
“Nein!”
Rief Dornröschen
“Ich ekel mich vor Fröschen!
Heiraten?
So eine beliebige
Herbeigelaufene Amphibie?
Ich töte die Kröte!”
Und Dornröschen nahm den Frosch
In die Hand
Warf in mit aller Kraft
Gegen die Wand
Ein Knall! Gespritz
Und vor Dornröschen stand
Ein wunderschöner, junger Mann
Der schaute die Maid zornig an
“Die Junge Dame ist sich zu fein
Einen Frosch zu frei’n?
Dann bist Du für mich
und meine Nächte
Auch nicht die Rechte
Außerdem -
Ich wollte sowieso nur die Fliege.”
Sprach der Jüngling
Wandte sich ab sogleich
Und hopste stolz
Zurück zu seinem Teich
Und die Moral von der Geschicht?
Ich weiß es nicht
Das Leben ist hart und unerträglich
Täglich
Erweist es sich auf’s neue, wie
Das Leben zuschlägt
Voller Ironie
Träume vom Feinsten – beim Erwachen
Mußt du Zugeständnisse machen
Ein Frosch in der Hand
Und endlich wach
Ist besser als ein Prinz auf dem Dach
Träume vom Zusammenleben
Mit einem königlichen Mann . . .
Das soll’s doch geben
Daß auch ein Frosch
Eine Frau glücklich machen kann
Dornröschen hat ihre Entscheidung bereut
Und wenn sie nicht gesrorben ist
Bereut sie sie noch heut
Geht heimlich des Nachts zum Teich
Einen Frosch zu fangen
Nimmt ihn in ihre Hände
Kehrt zurück zum Schloß
Und wirft ihn dort
Voller Hoffnung gegen die Wände
Ansonsten ist nichts passiert
Vierteljährlich
Wird das Zimmer neu tapeziert
So ist das eben
Wie im Märchen, so im Leben
Manche Liebesgeschichten enden
Mit Flecken an den Wänden
(Friedhelm Kändler)